Seekrankheit und die Angst

Die Seekrankheit beschäftigt jede und jeden, der zur See fährt. Und je weniger oft man aufs Meer fährt, umso mehr beschäftigt einen die Seekrankheit – was nicht bedeutet, dass man im Laufe der Zeit weniger seekrank wird, aber man lernt damit besser umzugehen.

Es folgt ein kurzer Auszug aus einer Erzählung einer Langfahrt. Es war im Spätherbst im November in der Adria. Die kroatische Küste lag 15 Meilen zurück, seit drei Tagen Südwind, dunkler wolkenverhangener Himmel, Regen.

Hinaus aufs Meer in die Finsternis

Wenige Augenblicke danach breitete die Bora ihren eisigen Atem auf die Adria aus, und mit ihr nahm die Yacht wieder ordentlich Fahrt auf. Die Lufttemperatur war um mindestens fünf Grad gefallen, gefühlt lag sie allerdings um den Gefrierpunkt. Vorerst legte der Nordostwind bis auf fast 30 Knoten zu und die erste Stunde war eine sehr unangenehme Achterbahnfahrt, der Wind von hinten, die Wellen von vorne.
Jetzt, wo wieder Bewegung im Schiff war, zog sich ein Teil der Crew in die Kajüte zurück, um zu rasten und nicht unnötig auszukühlen. Es dauerte aber nicht lange, bis der Erste, und kurz darauf der Nächste sich wieder im Cockpit einfand. Eine fahle blaugrünliche Gesichtsfarbe und die Eile in die Nähe der Leereling zu kommen verrieten sofort den Umstand.
Es war später Nachmittag, der Himmel dicht wolkenverhangen und die Dämmerung hatte eingesetzt. Unermüdlich trug uns die Bora auf die Adria hinaus und es war ordentlich Fahrt und Bewegung im Schiff. Ich versuchte die Crew zu verpflegen, aber der Appetit wurde bei den meisten mit der Bora ebenfalls völlig weggeblasen.
Um fünf Uhr war es stockfinster und der Wind hatte noch etwas zugelegt, im Durchschnitt auf 35 Knoten. Die Schiffsbewegung war etwas angenehmer geworden, denn die Wellen haben sich mittlerweile an die Windrichtung angepasst. Aber mit dieser Empfindung war ich in der Unterzahl.
Draußen wehte der eisige Wind aus achterlicher Richtung und trug die Gischt von hinten ins Cockpit. Vier Crewmitglieder rangen im Cockpit mit sich und der Seekrankheit. Zwei hatte es richtig erwischt und zwei zum Glück nur mit leichter Übelkeit. Außer mir waren nur noch zwei andere völlig fit und anscheinend resistent. Obwohl zwar grundsätzlich Wachdienste eingeteilt waren, konnte ich mich nicht darauf verlassen, ob wir diese in jener ersten Nacht, dem Zustand der Crew nach zu urteilen, auch tatsächlich durchhalten konnten.
Ich kochte eine kräftige Cremesuppe mit Erdäpfeln, Tee und Kaffee und schickte die beiden nicht seekranken Matrosen in ihre Kojen. Ich wusste nicht, ob ich sie in dieser Nacht nicht evtl. mehr brauchen würde, als geplant.

Seekrankheit und unsere Winzigkeit

Mit Seekrankheit und Seekrankheitserfahrungen wurden schon Bücherregale gefüllt, und man weiß, dass sie eine Kombination aus körperlicher und geistiger Verfassung, einer Eingewöhnungsphase, und einer gewissen persönlichen Neigung dazu ist.
Was war in dieser Situation passiert, dass vier von sieben Menschen seekrank wurden? Es wurde vor der Abreise anständig gegessen, und obwohl der Wind sehr frisch war, war trotzdem niemanden kalt, denn alle waren den Umständen entsprechend gut und trocken gekleidet. Die Stimmung an Bord war gut und allesamt waren erfahrene Segler.

Der erste Punkt, den die Crew hier getroffen hat, war die nicht vorhandene Eingewöhnungsphase. Wir waren ein paar Stunden, nämlich am Tag davor, in Küstennähe auf See, und sind an jenem Tag aus dem ruhigen Wasser in die voll aufgebaute Jugodünung mit anschließender Bora gefahren – von null auf hundert.

Was allerdings vermutlich viel mehr Rolle spielte, war die Psyche. Was bedeutet „Erfahrung“, und woher nimmt man das Vertrauen nicht unterzugehen, nicht zu ertrinken?
Die Erfahrungen sind meistens sehr unterschiedlich. Aber in den wenigsten Fällen zählt zu dieser Erfahrung Ende November, bei fünf Grad Außentemperatur, rauher See und Bora, mitten in der Nacht weit aufs offene Meer zu fahren, weit weg vom heimeligen, schützenden Hafen. Da wird einem innerlich plötzlich bewusst, dass man auf sich alleine gestellt ist, und alles vom Team, vom Schiffsführer und vor allem vom Boot abhängt.
Wenn man im Cockpit um sich blickt ist es tief schwarz so weit das Auge reicht und die Wellen und die Gischt sieht man nur unmittelbar neben dem Boot, wenn das Hecklicht oder vorne das rote oder grüne Positionslicht im Wasser reflektiert werden.
In diesem Augenblick wird einem bewusst, was die Statistik, dass neun von zehn Überbordgegange ertrinken, tatsächlich bedeutet. Diese überwältigenden Naturgewalten rund um einen lassen alles andere, das im normalen Leben so wichtig erscheint, sehr weit in den Hintergrund treten. Und all die Geschichten über Schiffbrüchige, auf Grund Gelaufene, Container- und Walkollisionen und Begegnungen mit Riesenkraken manifestieren sich plötzlich in deinem Inneren zur Angst.
Angst ist für die Seekrankheit das Öl im Feuer. Der Mensch ist eben ein Landlebewesen. Und dass wir vor Millionen Jahren einmal aus dem Wasser aufs Land gewandert sind, hat die Evolution aus unseren Genen gelöscht.

Mein Geheimnis

Mein Geheimnis im Umgang mit der Seekrankheit ist die Angst in Energie umzuwandeln. Ich führe regelmäßige Kontrollen durch, prüfe Position, Kurs, checke die Batteriespannung, werfe einen Blick in die Bilge, den Motorraum, leuchte mit der Taschenlampe ins Segel und auf die wichtigen Beschläge, usw. Ich versuche die Mannen zu motivieren und ihnen gut zuzureden, dass das Schiff in Ordnung ist, und Position und Kurs stimmen.

Fazit

„Die Wahrheit“ über die Seekrankheit gibt es nicht. In zahlreichen Artikeln und Büchern kann man die physiologischen Zusammenhänge nachlesen und was man grundsätzlich dafür und dagegen tun kann (Histamin, Vitamin C, …). Es gibt eine Menge Medikamente in verschiedenen Dosierungen und mehr oder minder umstrittene Alternativmethoden. Ist auch egal, Hauptsache es wirkt.

Wie bei allem sind Menschen grundsätzlich unterschiedlich anfällig. Meiner persönlichen Beobachtung nach spielt allerdings insbesonders die Angst ein ganz wesentliche Rolle. Aus diesem Grund ist es sehr unterschiedlich, ob und wie Menschen seekrank werden. Genau deshalb, kann sich die Seekrankheit vereinzelt auch verstärken, denn die Angst muss man(n) natürlich verstecken…wer fürchtet sich denn schon 😉

5 Gedanken zu „Seekrankheit und die Angst“

  1. Sehr guter Ansatz, zu diesem Thema. Die Angst ist tatsächlich ein großer Faktor bei Seekrankheit. Kein Crewmitglied gibt gerne zu Furcht zu haben.

    1. Ich habe den Eindruck, dass die Kaugummis recht gut helfen, für Menschen die etwas anfällig sind, sofern man sie rechtzeitig — also schon bevor einem schlecht wird — einnimmt (und es sich nicht um winterlicher Schwerwetterbedingungen handelt).
      “Am Besten” gibt’s aber nicht, wenn es sich um echte Seekrankheit und nicht nur leichte Übelkeit handelt, das ist dann individuell sehr unterschiedlich, jeder reagiert etwas anders. Also am besten jeder für sich ausprobieren und das richtige Mittel für einen persönlich finden.
      Sehr wichtig ist die Eingwöhnungsphase, d.h. 2 bis 3 Tage einmal nicht zu extrem Fahren mit einer Ruhepause (Landgang, ruhige Bucht,…) abends.

  2. Interessanter Post, Danke. Die Wahrheit gibt es wirklich nicht, das ist individuell so verschieden. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass mir entgegen aller Behauptungen eines half: Hinlegen! Es war in der Biskaya, 8m Welle und ich hab gekotzt, bis nichts mehr kam. Angst hatte ich keine, in Schiff und Besatzung hatte ich Vertrauen, aber die Kotzerei macht einen körperlich und psychisch fertig. Wache gehen, Zwieback essen, Tee trinken, kotzen, Freiwache, Hinlegen und klick, wie ein Schalter, der umgelegt wird. Das Schaukeln ist auf einmal angenehm und ich konnte einschlafen. Von wegen Horizont angucken. Nach ein paar Tagen war dann Ruhe und auf der Rücktour, wieder Biskaya, wieder ordentliche Wind und Welle, aber nix, der Körper hatte sich wohl daran gewöhnt. Mein Tip; Probiert mal, euch hinzulegen und zu schlafen, mir half genau das entgegen aller Ratschläge.

    1. Hinlegen und schlafen ist das beste was es gibt, denn im Schlaf wird man nicht seekrank. Die meisten fürchten aber die Zeit zwischen Cockpit und Einschlafen, bzw. stehen es nicht lang genug durch.

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